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Interview mit Claudi Arimany

Lieber Herr Arimany, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Ich möchte am Anfang Ihrer internationalen Karriere und Ihrer engen Zusammenarbeit mit Jean-Pierre Rampal beginnen. Wie war Rampal als Mentor und später als Konzertpartner?

Tatsächlich war ich nie ein formeller Schüler von ihm, ich nahm nur Unterricht während einiger Sommerkurse oder wenn er nach Barcelona kam. Später, auf einem Musikfestival, bei dem ich frei entscheiden konnte, was ich in einem Konzert machen möchte, schlug ich vor, mit Rampal zu spielen. Die Veranstalter akzeptierten diese Idee und das Konzert war ein Erfolg. Nach jenem Konzert machte Rampal den Vorschlag, andere Konzerte zusammen zu geben und sogar einige CDs aufzunehmen. Ich war natürlich sehr überrascht. Er erklärte mir, dass wir eine sehr ähnliche Art des Spielens und Phrasierens hatten und die Musik gleich empfanden, dass unsere Klangfarben perfekt verschmolzen. Von diesem Tag an spielten wir sehr oft zusammen und wurden bis zu seinem Lebensende Partner bei Konzerten und Aufnahmen. Meiner Meinung nach war er ein sehr guter Lehrer für fortgeschrittene Schüler:innen ohne technische Probleme und gab oft auch professionellen Flötistinnen und Flötisten interessante Ratschläge.

Rampal besaß Louis Lots einzige Goldflöte, habenSie diese auch gespielt? Welche seiner Hinterlassenschaften liegen Ihnen besonders am Herzen?

Einmal bat mich Jean-Pierre seine goldene Louis Lot Flöte zu probieren. Ich habe sie den ganzen Nachmittag in seiner Wohnung in Paris gespielt und obwohl das Instrument nicht in einwandfreiem Zustand war, konnte man die großartige Qualität wirklich wahrnehmen. Tatsächlich bevorzuge ich jedoch die beiden Haynes Flöten, die er während seiner Karriere seit 1958 gespielt hatte. Die Intonation der Louis LotFlöte ist sehr hoch und das Instrument ist im Vergleich zu den Haynes Flöten schwer zu handhaben. Rampals Lieblingsflöte wurde 1958 gebaut und erhielt sie im folgenden Jahr von Lola Haynes, der Inhaberin des Unternehmens. Diese ist wirklich ein außergewöhnliches Instrument, sie war seine Hauptflöte und er spielte sie bis zum Ende seines Lebens. Die andere, ebenfalls ein außergewöhnliches Instrument, wurde immer mitgeführt, falls ein Problem auftreten sollte. Diese beiden Haynes Flöten verwende ich seit dem Jahr 2000, nachdem Jean-Pierre verstorben war, und ich hoffe, sie bis zum Ende meiner Karriere zu spielen. Eine dieser Flöten, die zweite, bot er mir kurz vor einem Konzert an, das wir im Oktober 1999, einige Monate vor seinem Tod, gemeinsam in Osaka gaben. Er sagte mir, dass er sich wünschte, dass ich eine bedeutsame Erinnerung an ihn besitze. Die andere, seit Hauptinstrument, wurde mir 2001 von seiner Frau geschenkt.

Diese Flöten sind natürlich ein bedeutendes Erbe für mich, aber sicherlich nicht das wichtigste. Ich erinnere mich perfekt an sein Lächeln, seinen außergewöhnlichen Sinn für Humor, seinenverschmitzten Blick, wenn wir Duette im Konzert spielten (er hasste es, alleine zu spielen, und wir hatten es satt, Duette in seinem Haus, in meinem oder in Hotels zu lesen), seine Großgigkeit auf der Bühne, seine Eleganz und seinen guten Geschmack in der Phrasierung, seinen Klang, der zu allen zu sprechen schien, und die Begeisterung, die er auch nach einer so langen Karriere immer für die Musik empfand. Jean-Pierre Rampal war meiner Meinung nach der größte und wahre Künstler, der die Flöte als Ausdrucksmittel benutzt hat. Ein guter Mensch, ein immenser Musiker mit einer einzigartigen Persönlichkeit, der spielte, als wäre er ein Zauberer oder ein Charmeur. Er liebte Menschen und die Menschen liebten ihn. Er liebte es zu leben und zu teilen. Er hatte große mentale Stärke und gab seine Bestimmung trotz der vielen Unannehmlichkeiten, die auftreten konnten, nie auf, und er war sowohl im Alltag als auch auf der Bühne äußerst großzügig.

Sie widmen sich seit vielen Jahren den Doppler Werken. Hat Rampal auch Doppler geschätzt? Woher kam Ihr Interesse an den Doppler Brüdern?

Tatsächlich begann dieses Projekt, als ich ein Angebot bekam, eine CD für das französische Label Saphir Productions aufzunehmen. Einige Monate zuvor hatte mich mein lieber Freund und Flötist Shigenori Kudo zu einer Aufnahme mehrerer Transkriptionen für zwei Flöten und ein Klavier von Mozart Stücken eingeladen, die ursprünglich für zwei Klaviere oder Klavier zu vier Händen zusammen mit dem Pianisten John Steele Ritter geschrieben worden waren. Es wurde eine sehr gute Aufnahme und als ein Angebot von Saphir eintraf, beschloss ich, die Doppler Werke für zwei Flöten und Klavier aufzunehmen und bat Shigenori, mit mir für die Aufnahme zu spielen.

Nachdem die erste CD veröffentlicht worden war, akzeptierte Saphir meine Idee eines sehr großen Projekts mit den Aufnahmen der gesamten Flötenwerke der Doppler Brüder, aber das Label ging nach der dritten CD bankrott. Glücklicherweise hat das Label Capriccio aus Wien das Projekt gekauft und ich konnte weiter nach neuen Werken suchen. Am Ende hatten wir zwölf CDs mit der kompletten Flötenmusik der DopplerBrüder mit etwa 90 verschiedenen Werken, die meisten davon in Weltpremieren. Das gesamte Projekt hat etwa elf Jahre in Anspruch genommen, bis alles gesucht und aufgezeichnet war. Rampal spielte sehr oft Doppler im Konzert und wir nahmen mehrere Stücke auf einer in Los Angeles hergestellten CD für das Label Delos Int. zusammen auf, genannt „Romantische Musik für zwei Flöten und Klavier“. Wir haben den größten Teil der Doppler Werke für zwei Flöten im Konzert gespielt und für das Doppler Aufnahmeprojekt habe ich das Duettino Americain“ inkludiert, welches Rampal und ich 1996 zusammen aufgenommen haben.

r Ihr Lebenswerk, die Zusammenstellung und Veröffentlichung der gesamten Doppler Werke, haben Sie in Europa, einschließlich Wien, viel recherchiert. Welche Werke wurden in diesem großartigen Projekt neu gefunden und wo?

Ein großer Teil der Werke befand sich in Bibliotheken in Ungarn, Österreich, Deutschland und der Tschechischen Republik, in geringerem Maße in Frankreich, Rumänien und den Vereinigten Staaten. Im Allgemeinen wurde Doppler im 19. Jahrhundert veröffentlicht, einige Stücke sind in Manuskripten erhalten. So eine Suche beziehungsweise Recherche ist sehr langsam und manchmal ärgerlich. Man muss sehr geduldig und beharrlich sein. Entscheidend ist zu wissen, dass eine bestimmte Arbeit existiert hat, daher ssen Informationen von Werbeplakaten der Konzerte, von Kritiken, Handprogrammen usw. eingeholt werden. Wenn man weiß, dass ein Stück existiert hat, ist normalerweise alles einfacher, obwohl es am Ende nicht immer zum Vorschein kommt. Zum Beispiel wurde laut einem Konzertprogramm vom 3. Januar 1858 in Lemberg das von Franz und Carl Doppler für zwei Flöten und Orchester geschriebene „Morceau de Concert“ von ihnen selbst aufgeführt. Es kann nicht das d-Moll Konzert sein, das wir bereits kennen, weil es auch im selben Konzert enthalten war. Dies ist zum Beispiel eines der wenigen Werke, das ich, obwohl es Informationen über seine Existenz gibt, nicht finden konnte.

Jedesmal wenn ich ein neues Werk entdeckt hatte, war es eine große Befriedigung. Einmal fand ich in Ungarn das Manuskript einer „Grande Fantaisie“ in f-Moll. Zu Hause haben wir es mit dem Pianisten Michel Wagemans versucht, es war wunderschön, aber leider fehlten zwei Seiten. Jahre später, als ich in Prag war, um ein Konzert im Rudolfinum zu geben, traf ich Eduard García, einen katalanischenGeiger und Mitglied des tschechischen Orchesters, mit dem ich gespielt habe. Mit ihm besichtigte ich mehrere Bibliotheken und Archive, zu denen ich zuvor keinen Zugang hatte.Seine Frau, die in einem dieser Gebäude arbeitete, verschaffte uns glücklicherweise Zutritt. Im alten Prager Konservatorium fragten wir, ob sie uns sehen lassen würden, was sie über Doppler hatten. Zuerst sagte uns die Dame, sie hätten nichts. Nach ein wenig Beharrlichkeit zog die Frau einen staubigen Ordner heraus, den wahrscheinlich seit über hundert Jahren niemand mehr geöffnet hatte. Der Name „Doppler“ wurde auf dem Umschlag vage erraten. Als wir einen Blick hinein warfen, ein Wunder! Ein weiteres Manuskript erschien mit den beiden fehlenden Seiten der „Grande Fantaisie“. Ist so etwas nicht fantastisch?

Während Ihrer Recherche waren Sie auch im Dopplerhaus in Mödling. Welche Dokumente zur Flötenmusik und zu den Brüdern waren dort zu finden? Wie entscheidend war ihr Einfluss auf die Wiener Flötenszene?

Franz Doppler war sowohl in Budapest als auch in Wien ein wichtiges Mitglied der Musikgesellschaft, interessierte sich aber mehr für seine Opern als für Flötenmusik. Tatsächlich betrachteten sich Franz und Carl als Opernkomponisten. Sie hatten Freundschaften mit Wagner, Brahms, Erkel, Liszt und anderen wichtigen Komponisten der Zeit. Als diese Komponisten die interessanten Flötenstimmen in ihren Kompositionen für Orchester schrieben, hatten sie sicherlich den Klang und die Phrasierung von Franz Doppler im Sinn.

Als ich mit meinem Freund Raphael Leone das Sommerhaus von Franz Doppler in Mödling besuchte, wurden wir von Rudolf Schier, dem Ururenkel von Franz Doppler, begrüßt. Er zeigte uns den Taktstock, mit dem Richard Wagner 1876 die Uraufführung von Lohengrin im Wiener Hofoperntheater dirigiert hatte und der dem damaligen Kapellmeister und Flötisten F. Doppler als Erinnerung geschenkt wurde. Herr Schier zeigte uns auch Fotos, die Autobiografien im Manuskript von Franz und Carl und andere interessante Familiendokumente. Es war sehr aufregend.

Soweit wir wissen, haben die Brüder nicht das Böhm-System gespielt. Wissen Sie warum oder was sie über das neue System gedacht haben?

In der Tat haben die Doppler Brüder das Böhm-System nie benutzt, sie waren nicht interessiert. Die Einführung dieses Systems erfolgte sehr langsam und hauptsächlich in Deutschland. Das alte System erlaubte unterschiedliche Fingersätze für dieselbe Note, die von den Interpreten verwendet wurden, um dem Klang eine Vielfalt von Farben zu verleihen, wie es ihnen gerade passte. Die Böhmflöte erlaubt das nicht und das könnte ein Grund sein, aber es gibt sicherlich mehrere.

In jeder der zwölf CDs der Sammlung, die den Brüdern Doppler gewidmet sind, ist ein ausführlicher Artikel zu Themen enthalten, die für alle Flötenspieler und -spielerinnen von Interesse sind: der langsame Wechsel vom alten zum neuen System (Böhm); die von Doppler verwendeten Flöten; das Repertoire der Flötenspieler im 19. Jahrhundert; und viele andere sehr interessante Themen, die von großartigen Spezialisten geschrieben wurden. Ich bin enorm stolz auf ihre Beiträge in meinem Projekt.

Herr Arimany, Sie haben sich schon früh den großen „vergessenen“ Komponisten wie Francois Devienne gewidmet. Woher kam diese Hingabe?

Ich muss persönlich sagen, dass ich es immer sehr gemocht habe, die Umgebung und Lebenswelt der großen Komponisten zu kennen. Manchmal haben diese andere Musiker, oft von großem Talent und von denen wir sehr wenig wissen, in den Schatten gestellt. Mein erstes Album befasste sich mit der Flötenmusik einiger Komponisten, die direkte Schüler von Johann Sebastian Bach waren, und es half mir, die Persönlichkeit des großen Komponisten besser zu verstehen und vor allem zu entdecken, dass einige seiner Schüler auch großartig waren und dass ihre Musik manchmal sogar mit der des großen Meisters verwechselt werden konnte. Einige von Bachs Werken wurden nach seinem Tod von seinen Kindern oder seinen Schülern vollendet, was normalerweise erst Jahrhunderte später realisiert wurde. Das gleiche geschah zum Beispiel mit Mozarts Requiem, das sein Schüler F.X. Süßmayr zu Ende schrieb.

Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, ihren Kontext zu kennen, um die großen Komponistenbesser zu verstehen. Mein Projekt der Aufnahme der Devienne Konzerte fällt in dieses Schema. Insgesamt gibt es 14 Konzerte, obwohl Flötistinnen und Flötisten immer das siebte spielen. Es ist eine Schande, denn obwohl es ein wunderschönes Konzert ist, ist es aus meiner Sicht nicht das beste. Das Studium von Deviennes Konzerten sollte dazu dienen, das richtige Interpretieren von beispielsweise Mozart zu lernen. Seine Phrasierung ist dieselbe und auch sein Stil und seine Eleganz. Mozart oder die anderen großen Komponisten zu verwenden, um das Spielen eines Musikinstruments zu erlernen, ist meiner Meinung nach ein schwerwiegender Fehler. Es ist, als würde man Englisch lernen wollen, indem man Shakespeare studiert. Die Doppler Brüder waren keine Komponisten ersten Ranges, aber wenn wir ihre Werke kennen, werden wir wahrscheinlich jenen der großen romantischen Komponisten mit mehr Überzeugung und Wissen begegnen können.

Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie auch katalanische Komponisten wie Joan Baptista Pla, einen Zeitgenossen von Mozart, hervorgehoben. Denken Sie, dass es noch viel Flötenmusik zu entdecken gibt, die sich noch in Archiven oder privaten Schubladen befindet?

Ja,es gibt noch viel Musik zu entdecken. Es ist ratsam, die umfangreichen Musikkataloge wie Pierreuse, Arias oder andere zu durchstöbern, um festzustellen, dass derzeit nur sehr wenig Musik veröffentlicht ist, wenn wir sie mit der Menge vergleichen, die diese Kataloge zeigen. Die Nachfrage nach Musik ist seit dem 17. Jahrhundert immens, aber oft kennen wir Musizierenden kein anderes Repertoire als jenes, das uns vorgelegt wird, und es besteht wenig Interesse daran, tiefer zu gehen. Es ist eine Schande, weil es wirklich viel interessante Literatur zu erschließen gibt.

Letzte Frage, wie sehen Sie die Zukunft des Flötenspiels in Europa, auch im Hinblick auf die große Zahl von Bewerber:innen an Konservatorien, die schrumpfende Orchesterszene und die schwierigen Bedingungen für professionelle Musiker:innen?

Ich möchte etwas Konstruktives sagen, bin aber in dieser Angelegenheit leider nicht wirklich optimistisch. Eine professionelleFlötenkarriereanzustreben istr die junge Generation eine immense Herausforderungund ein steiniger Weg, der sich in Zukunft ohne Frage verschlechtern wird, obwohl das technische Niveau der jungen Flötistinnen und Flötisten von heute höher ist als je zuvor. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich entmutigt, weil das nicht fair ist. Tatsächlich hörte ich vor vielen Jahren auf zu unterrichten, als ich diesen Umstand realisiert habe. Ich fühlte mich zu sehrr die Zukunft meiner Schüler:innen verantwortlich und wollte keine falschen Hoffnungen wecken. Musiker:in kann ein wunderschöner Beruf sein, aber die Bedingungen werden immer herausfordernder.

Claudi Arimany, geboren in Granollers / Katalonien, ist ein international erfolgreicher Flötist, der sowohl in Bezug auf den Interpretationsstil als auch auf das musikalische Konzept als direkter Erbe von Jean-Pierre Rampal, seinem Mentor und Kollegen, gilt. Seit den 1980er Jahren tritt er als Gastsolist bei führenden internationalen Orchestern auf und arbeitet auch an der Wiederbelebung vergessener Flötenliteratur. Ende 2020 veröffentlichte er für das österreichische Label Capriccio eine Zusammenstellung aller Flötenwerke der Brüder Franz und Carl Doppler auf zwölf CDs.

Er hat eine umfangreiche Diskographie mit mehr als 40 Alben, die für Labels wie Sony Classical, Denon, Novalis, Delos Int., Saphir, Capriccio usw. aufgenommen wurden. Von Jean-Pierre Rampal als „einer der besten Flötisten seiner Generation“ angesehen, haben beide viele Jahre weltweit zusammen gespielt und Stücke aufgenommen. Claudi Arimany spielt eine Goldflöte von W.S. Haynes, die zuvor J.P. Rampal gehörte.

Das Interview wurde geführt von Mag.a Mirjam Braun MA