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Interview mit Wally Hase

Sie haben die letzten über fünfzehn Jahre Ihrer Lehrtätigkeit in Weimar enorm viele Studierende hervorgebracht, die den Sprung ins Musikleben erfolgreich geschafft haben. Was ist Ihr Geheimnis…?

Es ist weniger ein „Geheimnis“, sondern vielleicht weil meine pädagogische und künstlerische Arbeit auf der Überzeugung basiert, dass man nur so gut sein kann, wie es die eigene Vorstellung erlaubt. Mein Ziel ist es, den Studierenden ein möglichst breites Spektrum von technischen und interpretatorischen Fertigkeiten zu vermitteln, die für die Entwicklung einer eigenen Vorstellung von Musik unabdingbar sind. Durch Eindrücke, Erlebnisse, eingehender Beschäftigung als auch neuen Impulsen wird diese Vorstellung ständig beeinflusst, bereichert und verändert sich ein Leben lang.
Während ihres Studiums fördere ich die Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale der Studierenden, auf dass sie eigenständige Musikerpersönlichkeiten werden, die sowohl musikalisch als auch technisch höchsten Ansprüchen genügen. Ihre musikalische Vision, gepaart mit handwerklicher Souveränität, befähigt die Studierenden, die Musik in all ihrer Schönheit, Abwechslung, Spannung und Emotion mit dem Publikum zu teilen. Auf Grund ihres erworbenen Wissens können sie mutig und neugierig mit eigenen Projekten und Visionen in das professionelle Musikleben hinausschreiten, um auch unvorhersehbaren Herausforderungen mit eigenständigen Lösungen selbstbewusst entgegenzutreten.

Grundlage jeglichen erfolgreichen Musizierens ist die menschliche Interaktion. Das Musizieren ist ein stetiges Miteinander, bei dem man sich mit gegenseitiger Wertschätzung und Respekt begegnet. Der Klassenzusammenhalt ist daher ein wichtiges Element meiner pädagogischen Arbeit. Innerhalb der Klasse besteht eine Vertrauensbasis, die den Studierenden die Möglichkeit gibt, das konstruktive Kritisieren zu lernen und zu pflegen. In diesem Klima der Offenheit können sie ihre Bedenken, Ängste oder Momente des Missverständnisses ohne Scheu zum Ausdruck bringen. Durch regelmäßige Klassenvorspiele im internen als auch externen Rahmen, setzen sich die Studierenden der gegenseitigen Evaluierung aus. All diese Werte sind auch für das spätere Berufsleben notwendig. Ehemalige Studierende geben diese Werte oft an ihre SchülerInnen und Studierenden weiter.
Klassenexkursionen, Übe-Wochenenden, Kulturausflüge und das gemeinsame Feiern sind ebenfalls Elemente für ein vertrauensvolles Klassengefüge und gehören bei uns in der Klasse einfach dazu.

Es ist mir wichtig, dass meine Studierenden das Gefühl haben, sie können „nach Hause kommen“. Auch wenn ich auf Tournee bin, wissen die Studierenden: egal wo ich gerade bin, ich antworte immer auf ihre Emails und versuche, ihren Belangen gerecht zu werden. In dem Moment, wenn ich jemanden in die Klasse aufgenommen habe, fühle ich mich für sie verantwortlich.
Natürlich ich bin erst so richtig glücklich, wenn meine Studierenden ihren Platz gefunden haben und in ihrem beruflichen Leben bestehen können.
Ganz entscheidend für die Zukunft unserer „Flötenzunft“ ist natürlich, dass diejenigen, die mit den „Kleinen“ arbeiten dürfen, hochmotiviert und voller Respekt mit dem Nachwuchs umgehen. Sie prägen und formen die Zukunft unserer FlötenschülerInnen.
Zu meinem Leben gehören neben Solokonzerten viel Orchesterspiel und Kammermusik – auch „Einspringerin“ bei verschiedenen Orchestern sein zu dürfen, macht ungeheuren Spaß. Die zahlreichen Jahre Orchestererfahrungen unterstützen enorm die Lehre meines Orchesterstellen-Unterrichts und dadurch die Probespielvorbereitung der Studierenden.
Wir müssen beim Spiel dieser kurzen Abschnitte der verschiedensten Orchesterwerke die Partitur und unterschiedliche Interpretationen kennen. Das Nahebringen des geschichtlichen Umfelds und Einflüsse, wie zum Beispiel der Literatur, Malerei und Politik der Werke sind wesentliche Bestandteile meiner Arbeit. – selbstverständlich gilt dies für das gesamte Repertoire. Wenn man z. Bsp. C. Ph. E. Bach spielt, in Weimar geboren, empfehle ich, Hölderlin zu lesen, mindestens eine Biographie über ihn – dadurch gewinnt man einen Eindruck dieser Epoche. Den Schriftsteller Peter Härtling verehre ich zum Beispiel sehr, er hat u.a. einfühlsame Biographien geschrieben.

Es ist für mich ein großes Geschenk, nun in Wien leben und arbeiten zu dürfen: Ich bin u.a. Fan von Egon Schiele, des Jugendstils, Otto Wagner usw. usw. Ich hab mir schon zwei Museums-Jahreskarten gekauft und versuche, die Studierenden dahingehend zu animieren, ebenfalls hinzugehen.
Ich kann nicht sagen „sei neugierig“ … denn wie z. Bsp. „sei verliebt“ geht ja auch nicht.
Aber wenn mich etwas sehr berührt oder mir besonders gut gefällt, dann kann ich über diese Empfindung evtl. einen Weg finden, herauszufinden warum? Warum berührt mich etwas. Ist es das Timbre, ist es der Ausdruck, ist es die Person, ist es grade das Umfeld, die Situation, es sind ja so viele Komponenten. Dann horcht man in sich hinein.
Auch deswegen liebe ich es, ins Theater, in die Oper, Konzerte und in Ausstellungen zu gehen, Bücher zu „verschlingen“…. das war schon so mein ganzes Leben lang.

BeimUnterrichten ist es ebenso. Ich bin neugierig und finde z. Bsp. auch beim 101. Mal das Mozartkonzert wunderschön. Man kann immer wieder neue Details finden … und der Mensch, der vor mir steht ist entscheidend und das Allerwichtigste.

Heutzutage kann man es sich nicht mehr leisten, nur im „stillen Kämmerlein“ zu bleiben und zu üben. Es gibt einfach zu viele Einflüsse in jeder Hinsicht, da muss man sortieren, was einem gut tut – und was nicht. Das fängt in der Politik an, ich finde, auch da muss man klar Stellung beziehen. Es gibt Situationen, gegen die man sich wehren sollte – auch das muss man lernen – genauso, sich einzusetzen für die Dinge, die einem wichtig sind. Auch deswegen freue ich mich sehr, dass aus meiner Klasse in Wien, zwei Studentinnen dem Studentenrat der mdw beiwohnen, um mitgestalten zu können.

Gibt es in Ihrem Leben Lehrende, die Sie auf diesen Weg gebracht haben: Das unabhängige Denken, die umfassende Auffassung von Musik…?

Aurèle Nicolet.
Jedoch war mein erster wirklich entscheidender Lehrer Prof. Karl Friedrich Mess an der Hochschule für Musik in Stuttgart. Zu ihm kam ich als 12/13jährige, zu diesem Zeitpunkt war ich recht „chaotisch und wild“. Er hat des öfteren in der 3. Person mit mir gesprochen: „Die Wally möchte wieder…“. Das war prägend, flötistisch sehr disziplinierend aber trotzdem immer fördernd. Herr Mess besaß einen offenen Geist und auch trotz seiner Strenge ein mildes Herz.
Danach kam ich zu Prof. Jean-Claude Gérard – diese Zeit des Studiums war natürlich auch sehr inspirierend. Für meinen technischen Werdegang unabdingbar, denn bis zu diesem Zeitpunkt habe ich schwere Etüden gerne „musikalisch gelöst“ (lacht).
Ich war bei unserer ersten Begegnung 17 Jahre, hatte bereits im Staatsorchester Stuttgart einen Zeitvertrag für zweite Flöte mit Piccolo. Wir waren mit dem Ludwigsburger Schlossfestspiel-Orchester auf einer China Tournee und Jean-Claude bot mir auf dieser Reise einen Unterricht an. Nach diesem Unterricht war mir klar, dass ich sehr gerne bei ihm weiterstudieren wollte.
Er war sehr, sehr streng… Es waren zwei ganz wichtige Jahre für mich.
Das damalige Technikprogramm hat mich bis heute geprägt, ich weiß, dass ich von meinen Studierenden, die mir ihr Vertrauen schenken in dem sie bei mir studieren, solch ein Programm einfordern muss. Dazu gehören die wöchentlichen Etüden, Tonleitern etc – natürlich immer mit schönem Klang und guter Intonation 🙂

Jean-Claude Gérard hat dann zu meiner riesigen Freude und Dankbarkeit bei Prof. Aurèle Nicolet „ein gutes Wort für mich eingelegt“, da ich von Pierre Boulez „explosante fixe…“ studieren wollte, ein Werk, welches P. Boulez für A. Nicolet komponiert hat. Zu meinem großen Glück ist es nicht bei einem Unterricht geblieben, ich durfte über einige Jahre regelmäßig zu ihm nach Basel kommen oder an andere Orte reisen, immer da wo er Zeit hatte, um zu unterrichten. Darüber bin ich bis heute zutiefst dankbar…. Über all die Jahre gab er Buchempfehlungen, forderte ein, politisch zu sein. Wir haben diskutiert, „was denkst du über dieses Buch, was stellst du dir vor“. Dann habe ich ihm über meine Bilder und Gedanken erzählen dürfen. Aurèle Nicolet ist ein so wunderbarer Mensch gewesen.
Eines Tages kam ein Brief von ihm und er schrieb mir: „Du darfst dich meine Schülerin nennen“ (zu dem damaligen Zeitpunkt war er schon lange nicht mehr an einer Hochschule tätig) und es lag eine unglaublich gute, von ihm für mich geschriebene Empfehlung bei. Nie hätte ich mich getraut, ihn darum zu bitten. Ich war damals gerade 22 Jahre.
Nicolets Empfehlung hat mir u.a. auch geholfen, dass ich überhaupt nach Weimar zum Probespiel eingeladen wurde. Er war sehr stolz auf mich, dass ich 1992 in die „ehemalige DDR“ gegangen bin. Als ich mich für Weimar entschied, sage er: „Wally, bevor du in Weimar das Goethe Haus besuchst, gehst Du nach Buchenwald. Der humanitäre Geist Weimars ist auch überschattet von Buchenwald – der Vergangenheit. Alles liegt sehr nah beieinander.“ ….so war er, ein Wesenszug den ich bis heute verehre und bewahre!!!
Ich hab ihn bis zu seinem Tod (2016) öfters in Freiburg besucht. Bei einem meiner letzten Besuche saßen wir auf dem Sofa und haben gemeinsam eine Aufnahme von der 2. Sinfonie von G. Mahler mit P.Boulez und den Berliner Philharmoniker gehört. Herr Nicolet verehrte
P. Boulez so sehr. Dieses gemeinsame Anhören dieser Aufnahme war ein besonderes Erlebnis.

Orchester und Professur: Wie ist das zu vereinbaren, wie trifft man die Entscheidung?

Ich war 17 Jahre als ich meinen ersten Vertrag im Staatsorchester Stuttgart bekam, mit 22 wurde ich engagiert als Soloflötistin der Staatskapelle Weimar. Mit 30 Jahren erhielt ich eine halbe Professur an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, dies bedeutete meist sechs Studierende in der Klasse. Kurz vor meinem 40. Geburtstag nahm ich ein Sabbatical-Jahr in der Staatskapelle, weil ich u.a. reisen wollte. Ich besuchte meine Schwester in Los Angeles, reiste nach Andalusien während der „Santa Semana“ (dies ist die Woche vor Ostern), „weilte“ quasi eine Woche im Metropolitan Musem in New York und ging öfters tauchen etc. Ich war ebenfalls 4 Wochen in Südamerika, konzertierte und unterrichtete in Buenos Aires, und unterstütze dadurch „soziale Projekte“.
Meine Klasse unterrichtete ich während des Sabbatical natürlich weiter. In diesem Jahr taten sich ungeheuer viele neue Möglichkeiten auf, u.a. die regelmäßige Zusammenarbeit mit der Camerata Salzburg. Ich spielte in diesem Jahr auch die deutsche Erstaufführung des Flötenkonzerts von Lowell Liebermann – es waren fantastische Monate. Nach Ablauf dieses Jahres entschied ich mich, in der Staatskapelle Weimar zu kündigen. Eine halbe Stelle an der Hochschule war perfekt, für die Klasse war es super. Das Gefühl, nun für die Klasse voll da zu sein, aber trotzdem immer das spielen zu können, was ich gerne wollte und mich ausprobieren zu können war einfach fantastisch. Vor fünf Jahren bin ich nach Berlin gezogen und hatte neben meiner Hochschulstelle in Weimar noch eine Gastprofessur in Krakau.

Im Sommer 2017 kam dann die Ausschreibung der Stelle „Nachfolge von Prof. Barbara Gisler-Haase an der mdw“. Eine riesige Herausforderung; eine ganze Stelle, das heißt circa 12 Studierende. Ich habe mich beworben, im April 2018 war das Hearing und nun bin ich überglücklich, diese Stelle bekommen zu haben und nach Wien umgesiedelt zu sein. Was für eine Ehre, hier an der mdw – in Wien – unterrichten zu dürfen.

Ich habe in den ersten Monate in Wien fast alle Konzerte und weitere Engagements abgesagt, wie z. Bsp. ein zweiwöchiges Festival in Brasilien welches stets im Jänner mit dem Ensemble Berlin stattfindet usw.
Die Verantwortung und die intensive Arbeit mit einer vollen Flötenklasse – und dazu noch vier Studierende in Weimar, die ich bis Sommer 2019 zu ihren Masterabschlüssen begleite – brauchen Zeit. Ganz zu schweigen vom Ankommen in Wien und sich „im neuen Leben einfinden“.
Es ist ein gutes Gefühl, hier vor Ort zu leben. Ich kann zu meinen Studierenden sagen:„Wenn was ist, ruf mich an“ (ich wohne 5 Minuten von der Uni weg) oder „komm heute Abend nochmals eine halbe Stunde rein, dann kannst Du es erneut abspielen…“.

Wie sind ihre Vortragsabende an der neuen Uni bisher gelaufen?

In unserem ersten Klassenkonzert 5 Wochen nach Beginn des ersten Semesters war für uns Alle alles neu. Wir waren auch deswegen in unserem ersten öffentlichen Klassenkonzert schon etwas angespannt. Nach dem Motto: Wir sind die neue Klasse, jetzt möchte man etwas hören….
Ende November hatten wir dann ein Konzert im wunderschönen Borromäus-Saal im 3. Bezirk abseits der Uni, in dem wir auch viele Ensemblestücke spielten, auch gemeinsam mit den Weimarer Studierenden (lacht) mit anschließender Party bei mir zu Hause. Dieser Abend war schon viel entspannter. Beim Konzert im Jänner fühlten wir uns schon viel „normaler“.
Jede(r) konnte sich schön präsentieren – ich glaube, wir sind angekommen. Ich bin zutiefst dankbar und sehr glücklich – und fühle mich auch von den Kollegen der mdw willkommen.

Die erste Frage, die Ihnen im Hearing zum Aufnahmeverfahren an die mdw gestellt wurde, war laut Ihrer eigenen Aussage die zum „Wiener Klang“. Würden sie diese Frage für uns bitte nochmals beantworten!

Ich hatte ein tolles Erlebnis in einem Konzert im Herbst 2016: Die Wiener Symphoniker spielten die 2. Sinfonie von Robert Schumann. Das Oboensolo im langsamen Satz war sehr besonders, gespielt mit einem weiten wunderschönen Klang, wie ein Schilfrohr, in das die anderen Holzbläser sich einfügten, es ergab wie von innen nach außen eine Bereicherung des Klanges. Es war wie eine „Collage von Klängen“, es war magisch; natürlich ein sehr persönliches Hörerlebnis. Der Wiener Klang ist für mich wie ein Blumenbouquet, in dem immer wieder eine andere Blume besonders schön aufblüht; ein einheitlicher Blumenstrauß. „Nicht eine Rose neben einer Strelitzie.“ Flötistisch gesehen denke ich, dass das Vibrato sehr wichtig ist, bedarf jedoch – aber ich denke das ist nicht nur in Wien so – eines sorgsamen Umgangs. Die Anfänge haben etwas magisches, weich und trotzdem unglaublich zusammen…. Schwierig zu beschreiben; sicherlich gibt es bei einer Befragung von 10 Menschen 10 komplett verschiedene Antworten.

Das Interview vom 28. Jänner 2019 führte Mirjam Mikacs für die ÖFG